Kreis will Schulbezirke auflösen

Wo ein Kind zur Schule geht, bestimmte über Jahrzehnte der Wohnort. Diese Regel will die Kreisverwaltung nun abschaffen. Sie schlägt vor, die Schulbezirke für Ober-, Haupt- und Realschulen im Landkreis abzuschaffen. Vom Schuljahr 2013/2014 an sollen Lehrer und Schüler sich ihre Schulen dann frei aussuchen können. Nur für Gesamt- und Förderschulen sollen die Bezirke noch gelten.

15.09.12 –

Künftig freie Wahl bei Ober-, Real- und Hauptschulen / Regulierung für Gesamtschulen soll bleiben

(Quelle: Hildesheimer Allg. Zeitung, 15.09.12) Kreis Hildesheim. Wo ein Kind zur Schule geht, bestimmte über Jahrzehnte der Wohnort. Diese Regel will die Kreisverwaltung nun abschaffen. Sie schlägt vor, die Schulbezirke für Ober-, Haupt- und Realschulen im Landkreis abzuschaffen. Vom Schuljahr 2013/2014 an sollen Lehrer und Schüler sich ihre Schulen dann frei aussuchen können. Nur für Gesamt- und Förderschulen sollen die Bezirke noch gelten. Bei der "Abstimmung mit den Füßen" sollen die Menschen sich ihre Schule nach Profil aussuchen, die Kreisverwaltung ruft den "Bildungswettbewerb" aus. Viele Rektoren reagierten gestern skeptisch. Das letzte Wort hat der Kreistag.

"Schulbezirke binden Schüler an bestimmte Schulen. Dies entspricht häufig nicht dem Wunsch der Eltern", heißt es in einer Vorlage von Schul- Fachdienstleiter Karl-Heinz Brinkmann, mit der sich die Kommunalpolitiker demnächst auseinandersetzen müssen. Durch die Einführung der "eigenverantwortlichen Schule" könnten die einzelnen Einrichtungen stärker als früher einzelne Schwerpunkte setzen - ob für Naturwissenschaften, Sprachen, Sport, musische Fächer oder - aktuell - Inklusion. Auch könnten die Schulen heute Lehrerstellen selbst ausschreiben und Pädagogen einstellen - und sich dabei Leute aussuchen, die zum jeweiligen Schulprofil passen. So entstünden immer größere Unterschiede auch zwischen Schulen der gleichen Schulform. "Die Schulbezirke zwingen dann Schüler in Schulprofile, die nicht ihren Anlagen und Neigungen entsprechen", stellt die Kreisverwaltung weiter fest.

Sie führt auch an, dass sich die Schullandschaft durch Einführung der Oberschule sowie die neuen Gesamtschulen in Gronau und Bad Salzdetfurth ohnehin erheblich verändert habe. Schon jetzt können die Eltern zumindest die Schulform frei wählen. Wer eine Schule vermeiden will, kann das also schon jetzt tun. Nur als Beispiel: Wer nicht auf die Oberschule in Lamspringe gehen will, darf auch auf die Carl-Benscheidt- Realschule in Alfeld gehen - oder umgekehrt. Schlussfolgerung: Die Bezirke seien "eigentlich nicht mehr zeitgemäß".

Ein weiterer Auslöser für die Pläne der Kreisverwaltung liegen in der Schülerbeförderung- und speziell deren Kosten. Dabei ist die Rechtslage verzwickt. Es geht darum, unter welchen Umständen der Landkreis den Schülern die Bus- oder Bahnfahrt zu welcher Schule bezahlen muss. Bislang hat sich der Landkreis nach eigenen Angaben an der eher rigiden Haltung des Landes orientiert. Ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg gesteht den Schülern allerdings mehr Wahlrechte zu. Die Kreisverwaltung fürchtet deshalb, dass sie im vergangenen Schuljahr zu Unrecht Fahrtkosten von Schülern nicht erstattet hat und auch im laufenden Schuljahr Anträge abgelehnt hat, die sie hätte genehmigen müssen. Auch Klagen gelten als möglich. Derzeit rechnen Mitarbeiter aus, wie hoch die Mehrkosten voraussichtlich sind.

Diese "Rechtsunsicherheit", die der Landkreis beklagt, würden ohne Schulbezirke entschärft. Konkret würde das bedeuten: Entscheidet sich ein Schüler für den Besuch einer Oberschule, bekommt er die Fahrtkosten zur nächsten Oberschule erstattet - egal, welche Oberschule im Landkreis er tatsächlich besucht. Entsprechend verhielte es sich mit Haupt- und Realschulen. Von denen gibt es allerdings nicht mehr viele, wie die Grafik auf dieser Seite zeigt. In Gronau und Bad Salzdetfurth zum Beispiel existieren zwar noch Haupt- und Realschulen, doch diese "laufen aus", das heißt, sie nehmen keine neuen Schüler mehr auf, sondern unterrichten nur die bis zum Abschluss, die noch da sind.

Ein geteiltes Echo riefen die Pläne der Kreisverwaltung gestern bei den Rektoren mehrerer Oberschulen in der Region hervor, die diese Zeitung befragte. "Schulen an der Peripherie werden es schwer haben, die Zentren wie Hildesheim und Sarstedt werden profitieren", glaubt der Söhlder Rektor Uwe Meinhardt. Wahlfreiheit der Eltern und Wettbewerb unter den Schulen seien "an sich sicher nicht schlecht". Allerdings fürchte er, dass "sich nur bestimmte Leute weitere Fahrten zur Schule leisten können". Was ihn grundsätzlich an dem Plan des Landkreises stört: "Man lässt den Elternwillen entscheiden - damit ziehen sich Politik und Verwaltung aus der Verantwortung für Schul-Schließungen."

Die könnten im Ostkreis Söhlde oder Ottbergen treffen - doch Meinhardts Kollegin Ulrike Stengert-Schaumburg von der Richard-von- Weizsäcker-Schule gehört zu den Befürwortern der Kreis- Pläne: "Wir wollen uns mit unserer Unterrichts- und Schulqualität dem Wettbewerb stellen, das konnten wir bislang nicht. Ich finde die Idee richtig!"

Ähnlich kritisch wie Uwe Meinhardt sieht das auch der Lamspringer Schulleiter Achim Neubert. Der Landkreis drücke sich um eine Entscheidung über die Zukunft von Schul-Standorten herum und verzichtete auf eine eigenständige Schulpolitik, damit auch auf Einfluss auf Struktur und Raumordnung in der Region. Für Lamspringes Oberschule sei er angesichts der Anmeldezahlen der jüngeren Vergangenheit dennoch optimistisch.

Unverdrossen zuversichtlich zeigt sich auch die Elzer Krüger-Adorno-Schule in Gestalt ihres neuen Chefs Detlef Beck. Auch wenn diese Einrichtung weit davon entfernt ist, die Anforderung des Landes nach 48 Schülern in jedem Jahrgang zu erfüllen. "Wir wollen uns noch stärker als Profilschule positionieren." Zusammen mit der nunmehr im gleichen Gebäude untergebrachten Adolf-Grimme-Schule plane er ein regelrechtes Förderzentrum für Inklusion. "Damit können wir im Landkreis in einem wichtigen Bereich ganz vorn sein", hofft er.

Was ihm und Achim Neubert gleichermaßen sauer aufstößt: Die meisten Schulleiter erfuhren von dem Plan, die Schulbezirke aufzulösen, gestern durch den Anruf der HAZ. "Dass die Kreisverwaltung darüber mit uns nicht einmal gesprochen oder uns wenigstens informiert hat, ist hammerhart, eigentlich ein Skandal", schimpft der eigentlich verbindliche Beck. Kollege Neubert drückt es etwas diplomatischer aus: "Wir sind irritiert, dass weder die Verwaltung noch die Kreistags-Fraktionen einmal das Gespräch mit den Schulen gesucht haben." Schließlich berühre die Abschaffung von Bezirken "die Existenz von Schulen".

Die Politik muss in der kommenden Woche zu dem Thema Stellung beziehen. Am Donnerstag, 20. September, tagt der Schul- und Kulturausschuss das Landkreises ab 16 Uhr öffentlich in der Richard- von-Weizsäcker-Schule in Ottbergen.

Die Entscheidung über die Schulbezirke fällt letztlich der Kreistag, doch aus den Beratungen und Abstimmungen des Ausschusses lässt sich bereits ersehen, wohin die Tendenz bei den Parteien geht. Dann wird sich auch zeigen, ob Söhldes Schulleiter Uwe Meinhardt mit seiner Prognose Recht hat: "Ich denke, die Bürgermeister werden sich das nicht bieten lassen."

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Kinder und Jugend, Bildung | Kreisangelegenheiten

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